19. März 2020 Friederike

Das hier ist persönlich. Sehr persönlich.

Ihr seid von mir gut aufbereitete Blogartikel gewohnt, die trotzdem immer versuchen, gute Laune zu verbreiten. Ihr seid gute Worte gewohnt, die zum Schmunzeln einladen wollen, die Mut machen und immer eine Unterstützung sind für Brautpaare, Kollegen aus der Hochzeitsbranche oder auch einfach nur für Menschen, die zufällig hier landen. Sie sind im Normalfall gut geschrieben, SEO-optimiert so gut ich kann, durchfacht und irgendwie hilfreich.

Nun ja.

Ich hatte geplant, Euch was Schönes zu erzählen.

Auch dieser Beitrag sollte so werden. Schon gestern wollte ich ihn schreiben. Wollte Euch schreiben, wie toll ich es finde, dass Ihr alle so solidarisch seid, dass Ihr zuhause sitzt und das Beste draus macht. Dass Ihr Euch nicht unterkriegen lasst und was wir jetzt tun müssen, damit wir alle mit einem Blauen Auge davon kommen. Ich wollte Euch was erzählen von meinem Aufruf „Existenzen retten – verschieben statt absagen!“

Doch, nun ja, das war mir nicht möglich.

Ich muss erst was anderes loswerden. Und da ich bis auf eine Ausnahme (davon lest Ihr gleich) seit 14 Tagen meine Wohnung nicht verlassen habe und sie auch weiterhin nicht verlassen kann, bekomme ich es einfach nicht hin. Positiv zu sein und Euch was von der Hochzeitsbranche mit dem Rücken an der Wand zu erzählen.

Dieser Artikel muss leider bis morgen warten.

Heute wird es persönlicher. Nicht gut aufbereitet. Nicht gut gelaunt. Vielleicht schaffe ich es nicht ganz, das Schmunzeln wegzulassen, aber das weiß ich an diesem Punkt des Beitrages selbst noch nicht.

Allerdings ist mir einfach nicht zum Schmunzeln zumute im Moment.

Denn das ist so:

Ich war gestern nach 13 Tagen in meiner Wohnung kurz im Auto unterwegs. Das hieß für mich als Patientin der Risikogruppe: „raus aus der Tür, gucken, dass mir möglichst Niemand begegnet oder mich zumindest nicht anspricht, hinein ins Auto, Fenster trotz des guten Wetters oben lassen, durch die Gegend fahren (ich musste mal raus ;)), wieder raus aus dem Auto, Menschen die vor meinem Hauseingang standen bitten ein Stück zur Seite zu gehen, damit nichts passieren kann und dann wieder drinnen froh sein, angekommen zu sein.“

Nennt mich gern paranoid.

Aber ich weiß seit letztem Jahr, wie es sich anfühlt zu ersticken.

Danke, Ich liebe meine Filterblase.

Und ich sag Euch, wo ich vor meinem Ausflug gestern das Gefühl der uneingeschränkten Solidarität hatte, kam ich nach Hause, weinte und war völlig desillusioniert. Verzweifelt. Denn das, was ich die letzten Tage in meiner Filterblase gesehen hatte war eindeutig: Da blieben alle daheim, da hielten alle zusammen, da waren alle füreinander da und es war klar: „Wir kriegen das hin!“. Da wurden Menschen kreativ und halfen sich gegenseitig, da wurde die unerwartet freie Zeit für Fort- und Weiterbildung genutzt, da wurden Kinder von den Eltern zuhause unterrichtet, es gab Quarantänekonzerte, Lesestunden, Sport- und Tanzstunden, da wurden nachbarschaftliche Einkäufe erledigt und so weiter und so fort.

Da war man solidarisch mit denen, die arbeiten müssen, weil es sonst ihren Ruin bedeuten würde. Ich machte man sich einen Spaß aus Fuß- und Ellenbogenchecks, wenn man arbeiten musste. Da ging man nur schnell einkaufen, wenn es sein musste und regte sich über Hamsterkäufer auf. Da machte man Instastories aus zwei Metern Entfernung statt des normalerweise obligatorischen Selfies.

Meine Filterblase eben.

Krasses Miteinander. Krasser Zusammenhalt. Krasses wundervollen Zusammengehörigkeitsgefühl.

Aber dieses Bild aus meiner Filterblase war nicht das, was ich gesehen hatte, als ich in meinem Auto durch die Gegend gefahren war.

Doch da draußen? Ignorante Arschlöcher!

Da spielten Gruppen von fünf und mehr Kindern ohne Aufsicht im höher gelegenen Vorgarten. Und hatten in einem irren Wettstreit zwischen den beiden Straßenseiten damit begonnen, Passanten die Zunge rauszustrecken. Tröpfchenbehaftet lachend und spuckend. Da saßen offensichtlich nicht in einem Haushalt lebende Menschengruppen an Picknicktischen und teilten sich das Essen aus den mitgebrachten Tupperbehältern – direkt neben dem gut besuchten Bolz- und Basketballplatz. Da sah ich eine Mutter, die ihre Kinder ganz offensichtlich bei der Oma abgab, freudestrahlend, und eine Oma, die gerade den Schnuller des Kindes aufhob und mit der Hand säuberte, weil er runtergefallen war. Da sah ich Busfahrer, die durch Absperrbänder vor dem Kontakt mit Menschen geschützt werden sollten – gleichzeitig aber dicht gedrängt vorn im Bus standen, sich wild ereifernd. Da sah ich Mittvierziger, die gemütlich gemeinsam im Café saßen und dann nach dem letzten Prosecco am gemütlich bis auf den letzten Platz besetzten 10er-Tisch, getrennt ihrer Wege gingen. Da sah ich 20 Mamas auf den Bänken am Spielplatz sitzen während sich ihre Kinder aller Altersschichten fröhlich quer über den Spielplatz vergnügten. Ich sah Jugendliche, die sich gemütlich die Zigarette teilten und Küsschen noch und nöcher verteilten und ich sah halbstarke Studenten, die gemütlich auf Picknickdecken in großen Gruppen rumhingen und Männer, die zu glauben schienen der wirksamste Schutz seien verschränkte Arme und einen ganzen Haufen Menschen der offensichtlichsten Risikogruppe, die dann nicht wenigstens in ein Café gehen um eine Existenz zu sichern sondern im Rudel auf Parkbänken sitzen.

Kurz: Ich sah einen ganzen Haufen gewissenloser, egoistischer, arroganter, ignoranter, gleichgültiger, verwöhnter, ungehorsamer, schlecht erzogener und asozialer Menschen.

Menschen, die das Leben genießen und gleichzeitig das Leben mit Füßen treten. Menschen, die die Existenzen unglaublich vieler Menschen mit Füßen treten. Denn es ist doch so: Jeder Tag, an dem die Menschen dieses Virus weiter verbreiten, bringt und mehr Infizierte und Tote. Jeder Tag, den diese Menschen sich so rücksichtlos und unverantwortlich verhalten sterben Menschen und kleine Unternehmen, Freelancer etc., die einfach nicht genug Rücklagen haben für so eine Krise.

Seitdem ich das sah, ist mir einfach grad nicht mehr nach Zusammenhalt, nach Mut machen, nach Schmunzeln und all dem. Mir ist – und das habe ich ziemlich viel getan – nur noch nach heulen zumute.

Denn ich kenne das Gefühl zu ersticken.

Und ich muss an die Menschen denken, die um ihre Leben kämpfen. Die beatmet werden müssen. Alleine, weil Niemand sie besuchen darf. In sterilen Krankenhauszimmern oder mittlerweile sogar Lazaretten. LAZARETTEN!!!

Und da bleibt mir sprichwörtlich die Luft weg. Aber dabei bleibt es nicht.

Denn ich kenne das Gefühl zu ersticken.

Genau wie diese Menschen, denen es so schlecht geht derzeit, bin ich im Januar 2019 fast erstickt. Ganz ohne Corona sondern einfach wegen einer ganz normalen Erkältung habe ich erst fünf Tage zuhause gelegen mit starker Atemnot, bin dann in meinem Wohnungsflur kolabiert, wurde mit dem Notarzt abgeholt, verbrachte 10 Tage der krassen Angst und Verzweiflung im Krankenhaus und machte (wenigstens mit Menschen die ich liebe an meiner Seite) meine Patientenverfügung und regelte meinen Nachlass, weil ich mir sicher war, ich würde nicht überleben. Weil ich erstickte. Nicht atmen konnte. Einfach so.

Das war eine wirklich schlimme Erfahrung.

Ich gehöre zur #Risikogruppe.

Ich gehöre zu dieser Risikogruppe, denn ich habe Asthma. Infektgetriggertes Asthma. Das heißt, eine ganz normale Erkältung kann mich umbringen. Einfach so von jetzt auf gleich. Mittlerweile bin ich gut eingestellt, habe Notfallmedikamente immer dabei und habe kaum Probleme, alles läuft wieder fast normal oder eben einfach manchmal anders. Ich gehe Infekten systematisch aus dem Weg und passe auf mich auf. Aber…

Ist mein Leben weniger wert?

Denn jetzt fühle ich mich, als wäre ich weniger wert. Bei jedem Mal das bei einem Verstorbenen gefragt wird „wie alt war der Tote?“ oder „hatte er Vorerkrankungen?“ fühle ich mich, als würde mein Leben mit Füßen getreten.

Ich bin 38, stehe voll im Berufsleben und bin quickfidel trotz Erkrankung, ich lasse mich nie unterkriegen, stehe immer wieder auf, habe einen Knochenjob und mache Menschen glücklich. Viele Menschen. Meine Krankheit zwingt mich zwar, kürzer zu treten aber bis vor kurzem hab ich sogar Arbeitsplätze geschaffen.

Bin ich weniger wert?

Weniger Wert als diese Menschen, die da gerade in der Sonne sitzen und es sich gut gehen lassen, während ich auch die nächsten Monate nur für meine Hochzeiten werde wirklich vor die Tür gehen können, um auch ja fit zu sein für meine Brautpaare?

Wirklich?

Denn jeder Mensch, den ich da draußen sah, sorgt dafür, das ich ersticken könnte an einem ach so harmlosen Virus. Von dem diese Menschen da draußen behaupten, sie könnten ihn ja ruhig ignorieren, denn er würde ihnen ja nichts anhaben. Oder besser noch, Merkel würde das ja nur behaupten und unser Land zugrunderichten mit Panikmache. BITTE??!!

Jeder Mensch, den ich da draußen sah, sorgt dafür dass mühsam aufgebaute Existenzen baden gehen. Einfach so und unverschuldet. Einfach, weil das Virus die Zeit frisst. Und weil ignorante Arschlöcher dafür sorgen, dass es sich weiter ausbreiten kann und noch mehr Zeit frisst.

Wenn das so weitergeht, sterben nicht nur hunderte, vielleicht tausende Menschen, es sterben auch ganze Branchen. Unter anderem Meine. Denn wir als Hochzeitsdienstleister kommen gerade aus der Winterzeit, in der viele von uns wenig oder fast keine Einnahmen haben. Viele von uns stehen bereits mit dem Rücken zur Wand.

Und diese Menschen da draußen sorgen dafür, dass das so bleibt. Einfach weil sie glauben, alles besser zu wissen und Leben und Existenzen mit Füßen treten zu dürfen.

Und genau deswegen ist mir nicht nach glücklich, zuversichtlich und hoffnungslos sein. Mir ist nach heulen.

Denn ich kenne das Gefühl zu ersticken.

Friederike

PS: Versteht mich nicht falsch, ich meine selbstverständlich nicht die Menschen, die arbeiten gehen müssen um sich vor dem Ruin zu bewahren, ich meine nicht die Menschen, die schnell alles besorgen, was sie dank dummer Hamsterkäufer nicht mehr bekommen haben oder dringend brauchen, ich meine nicht die, die sich mit zwei und mehr Metern Abstand unterhalten… sondern wirklich nur diese ignoranten Arschlöcher, die meinen, sie wüssten alles besser als ein ganzer Haufen weltweit verstreuter Wissenschaftler, die gerade versuchen, leben zu retten. Ich könnte niemals in die Politik gehen, denn ich wäre wirklich radikal: Ich hätte nicht nur längst eine Ausgangssperre verhängt, ich würde auch alle Kinder bis 15 auf den Spielplätzen zu Sozialdienst verdonnern indem ich sie erst auf Corona teste und bei negativem Test dauerhaft in Altenheimen unterbringen, wo sie den alten Menschen dort die Zeit verkürzen. Denn offensichtlich sind ihre Eltern überfordert mit ihren eigenen Kindern. ich würde alle Kinderlosen unter 30, die mit Jemandem angetroffen werden, der nicht aus ihrem Haushalt ist in den nächsten Supermarkt stecken um dort Regale einzuräumen. Beaufsichtigt würden sie von von den alten Menschen auf Parkbänken. Dann können die Menschen aus dem Einzelhandel nämlich in dieser Zeit lieber bei ihren Kindern zuhause sein. Ich finde, das ist ein sehr guter Plan… ah, da ist es wieder, mein Schmunzeln ♥

 

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Comments (2)

  1. Vanessa

    Liebe Friederike,
    Dein Post hat mich sehr berührt und ich war auch den Tränen nah. Als ebenfalls Risikopatientin (Asthma) bin ich auch nur fassungslos und tief verletzt über den Egoismus da draußen, habe wie Du den Eindruck, Leute wie wir und unser Leben seien weniger wert-weil nunja, wir sind halt eine Minderheit. Und das erlebe ich leider sogar im eigenen Bekannten-und Freundeskreis. Manchmal braucht es leider wirklich handfeste Krisen, um zu sehen, wer für einen da ist und wem man vertrauen kann. Ich sende Dir ganz viel Kraft und Liebe. Wir schaffen das-trotz alledem. Du bist nicht allein. <3

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